So reichhaltig das Programm, so vielstimmig dieser Text. Einzelne Teilnehmende an der Reise haben aufgeschrieben, was sie besonders beeindruckt hat. Die Beiträge folgen nur teilweise der chronologischen Abfolge. Die Reisenden haben zudem verschiedene Geschmäcker, Haltungen und Blickwinkel - das soll Platz haben.
Per Bus, per Bahn und im Flugi – so unterschiedlich die Verkehrsmittel der insgesamt 54 Teilnehmenden an der Pastoralraumreise, so unterschiedlich die Uhrzeiten, zu denen sie am Sonntag ankommen. Beim Frühstück am Montag sind dann alle da. Viola Stalder (Jugendarbeit Heiliggeist) ist als Begleitperson vor allem auch für die jüngeren Teilnehmenden da. 8 Kinder und Jugendliche sind mit von der Partie. Auch sonst ist es eine gut gemischte Truppe: Der Jüngste ist sieben, die älteste mitgereiste Person 86. Sie kommen aus allen Pfarreien, aus den Sprachgemeinschaften, gar aus anderen Kantonen (BL, ZH). Ein Spiel nach dem Frühstück lockert die Atmosphäre und regt zum Kennenlernen an, dann geht es los.
Schweizer Garde
Für eine katholische Reisegruppe aus der Schweiz fast ein Muss ist der Besuch der Schweizergarde. Schnell wird die Gruppe geteilt und Hellebardier Nicola führt den einen Teil durch den Kasernenhof an die trutzige Mauer der Vatikanbank. Der Blick wandert an der Fassade des Apostolischen Palastes hoch bis zum dritten Stock. Noch wohnt Papst Leo XIV. nicht dort; eine Frage der Zeit, sagt Nicola und erläutert, was in welcher Etage des Palastes ist.
Die Kapelle ist drei Heiligen gewidmet – Bruder Klaus sowie den beiden Heiligen Martin und Sebastian – nach einem Gebet folgen weitere Fragen, denn der Dienst der Schweizergardisten interessiert; ebenso ihre Ausbildung. 135 Gardisten seien es zurzeit, er selbst werde nach zwei Jahren Dienst bald zurückkehren in die Schweiz, sagt Nicola. Neben Sprachunterricht würden beispielsweise Nahkampf, Recht und Psychologie in der Ausbildung vermittelt. Das Schiesstraining werde in Zusammenarbeit mit den Carabinieri absolviert. Es wird deutlich, dass die Schweizergardisten eine Aufgabe haben, die ihnen ernst ist: Der Papst soll beschützt werden, im Extremfall mit dem eigenen Leben. Dass die Päpstliche Schweizergarde ein professioneller Sicherheitsdienst ist, wird auch dadurch deutlich, dass die Gardisten eine neu dreimonatige Rekrutenschule der Schweizergarde absolvieren, in der sie auf dem Ausbildungsplatz der Spezialkräfte (Grenadierschule) der Schweizerarmee in Isone (TI) auch eine Polizeiausbildung durch die Kantonspolizei Tessin erhalten.
Für diese Aufgabe der Garde sei der Glaube wichtig, sagt Nicola. Es sei eine Ehre für die Schweiz, dass katholische Schweizer, die den Militärdienst geleistet haben, ab dem Alter von 19 Jahren die Möglichkeit hätten, diesen Dienst zu leisten. Er öffnet aber auch eine andere Perspektive: Es sei auch ein grosser Vertrauensbeweis in teilweise sehr junge Menschen dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Wie es mit dem Besuch der Messe am Sonntag sei, fragt Pastoralraumpfarrer Stefan Kemmler. Nicola schmunzelt. Es werde keine «Strichliliste» geführt, doch der Sonntagsgottesdienst gehöre dazu. Je nach Schicht am Morgen oder am Abend.
Das hier Militär und Glaube bzw. Religion zusammenkommen, wird deutlich, wenn es nach dem Besuch der Kapelle in die Waffenkammer geht, wo auch die rund 15 Kilogramm schweren Brustpanzer der Gardisten aufbewahrt werden. Von mittelalterlich bis modern sind nicht nur diese, sondern auch die Waffen. Nicola erläutert geduldig die verschiedenen Uniformen und beantwortet Frage um Frage. Im Nebenraum hängen die Gewänder, sowohl die in den Farben der Medici als auch die blauen Exerzieruniformen, am Tisch poliert ein Gardist sorgfältig den Griff eines Schwertes. Wie es dem jüngsten Teilnehmenden gefallen habe, klärt sich beim anschliessenden Apéro im Kasernenhof. Während im blauen römischen Himmel die Möwen fröhlich lachen, sagt Vitus (7) voller Überzeugung: «Es ist einfach alles toll gewesen.»
Gemeinschaft feiert
Jeden Abend feiern die mitgereisten Priester Gottesdienst. Jeden Abend nehmen Menschen aus der Gruppe in der Kapelle des Casa Bonus Pastor an der schlichten, einfachen Eucharistie teil. Jeden Abend stellt sich jemand anderes aus der Gruppe als Lektor zur Verfügung. Ministrantinnen gibt es auch.
Gabriele (12) aus Allerheiligen und Maïna (13) aus St. Franziskus (Riehen) ministrieren auch in ihren Basler Hei-matpfarreien. Anders als dort tragen sie hier in Rom kein Gewand. «Hier gab es nur zu grosse Gewänder», sagt Gabriele. Die Li-turgen hätten dann entschieden, dass die beiden Jugendlichen in Zivil ministrieren sollen – wenn nur eine im Gewand im Altar-raum stünde, sehe das merkwürdig aus. Ob das nicht seltsam sei ohne Gewand? «Ungewohnt ist es», antwortet Gabriele und Maïna ergänzt, «es erinnert mich an die Zeit, als ich noch in der Vorbereitung auf das Ministrieren war und wir ohne Gewänder geübt haben.»
Was den beiden an der Reise besonders gefällt, ist die nächste Frage. Gabriele freut sich über die netten Menschen in der Gruppe und die guten Gespräche, die entstehen. «Und das beim Papst, das hat mir gefallen», schliesst sie. Die Papstaudienz hat auch Maïna gefallen: «Es ist einfach alles sehr interessant, auch die vielen alten Gebäude zu sehen. Und dass ich heute neben dem Ministrieren auch die Lesung gelesen habe, das hatte ich noch nie gemacht, ich war ein bisschen aufgeregt.»
Katakomben
Eine Reise nach Rom ist nicht nur eine Reise in die aktuelle römisch-katholische Kirche, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit des Christentums. Vielleicht wird es am deutlichsten in den Katakomben St. Callixtus. Dort wird deutlich, wie anders als die Gesellschaft, in der sie lebten, die frühen Christi:innen waren. Verstorbene wurden üblicherweise verbrannt, nicht so bei den Christen. Der Glaube an die Auferstehung des Leibes machte die Bestattung des unversehrten Körpers notwendig. Auf Grundstücken, die Christen gehörten, wurden Gräber ausgehoben und zwar auch in die Tiefe. Je mehr Tote zu bestatten waren, desto tiefer wurden die Grabstätten. 14 Meter in der Höhe misst der höchste Gang, dessen Wände übersäht sind mit meist kleinen Nischen. Kaufte man ein angrenzendes Grundstück, konnte weiter beerdigt werden. Insgesamt 20 km Gänge in Tiefen bis zu 30 Metern misst die Katakombe St. Callixtus. Namensgeber ist der entsprechende Papst, andere Bischöfe von Rom wurden ebenfalls dort bestattet, ebenso aber auch die Heilige Cäcilia. Heute ist es anders, die Feuerbestattung ist für Katholik:innen seit 1963 seitens Rom «abgesegnet», die Zahl der Erdbestattungen gehen zurück.
Generalaudienz
Früh raus, um «Schlange-stehen» zu vermeiden, hiess es nämlich am 3. Tag der Reise. Ein bisschen Anstehen für die Generalaudienz am Aschermittwoch muss dann aber doch sein. An den Plätzen angekommen, heisst es weiterhin warten. Im Schatten ist es frisch.
Irgendwann ist es so weit und es beginnt ein Ritual, dass eine eigene Schönheit hat: Nacheinander werden in verschiedenen Sprachen die anwesenden Gruppen aus aller Welt begrüsst. Italienisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch,Portugiesisch, Chinesisch, Arabisch und Polnisch. Doch nicht nur das Land wird genannt, sondern wenn angemeldet, auch die Stadt und Institution/Organisation der anwesenden Pilger:innen. Und so wandert ein erstes Mal Jubel und Applaus über den riesigen Platz. Besonders die jungen Menschen quittieren die Nennungen mit lautem Gejuchze.
Der zweite Jubel brandet auf, als Papst Leo XIV. dann mit dem Papamobil alle Wege zwischen den Gläubigen abfährt. Man hört, wo er ist, denn der Jubel wandert mit ihm. «Wie ein Popstar», sagt jemand in der Nähe.
Zur Katechese wird es ruhig auf dem Platz. Der Papst spricht über Lumen Gentium, alles wird, leicht zusammengefasst, erneut in die verschiedenen Sprachen übersetzt. Möglichst alle sollen verstehen, worum es geht. Den Abschluss bildet das gemeinsam auf Latein gesungene Vater unser und der Segen. Die Basler Gruppe gestaltet den Tag dann je unterschiedlich.
Ein besonderer Lichtblick: Der Besuch bei Kardinal Kurt Koch
Eine Gruppe von gut zwanzig Interessierten machte sich nach der Audienz auf zum Sitz vom «Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen». Die entsprechenden Büroräumlichkeiten befinden sich im 5. Stockwerk von einem mächtigen Wohn-block an der Via della Conciliazione in nächster Nähe zum Vatikan.
Versammlungsort war der wundervolle Bibliotheksraum, wo wir uns um den grossen Tisch in der Mitte gruppierten und hinsetzen durften. Bald erschien ‚Eminenz‘ Kurt Koch. Nach der freundschaftlichen Begrüssung unsererseits durch Pfarrer Mario Tosin war das Eis sofort gebrochen und es entstand eine fast schon familiäre Atmosphäre. Kardinal Koch gab seiner Freude Ausdruck über den Besuch aus seiner Heimat.
Auf die Frage nach seinen verschiedenen Tätigkeiten redete er frisch von Leber weg und schöpfte aus dem Vollen: Dialog mit anderen Kirchen, Beziehungen zum Judentum, Theologische Grundsatzarbeit, Präsident von «Kirche in Not», Mitgliedschaft in Kurienbehörden. Dies und noch viel mehr kann auch im Internet nachgelesen werden. Viel spannender und faszinierender war es jetzt, das Ganze von ihm aus erster Hand, von Angesicht zu Angesicht zu erfahren. Er verheimlichte uns nicht die vielen ‚Baustellen‘, die zum Teil als unüberbrückbar und unlösbar erscheinen: zum Beispiel wegen dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine oder in Israel/Palästina. Mir fiel das Kirchenlied «Sonne der Gerechtigkeit» ein (KG 509), wo es im dritten Vers heisst: ‚Schaue die Zertrennung an, / der sonst niemand wehren kann, / sammle, grosser Menschenhirt,/ alles, was sich hat verirrt.‘
Obwohl Kardinal Koch die offizielle Altersgrenze von 75 Jahren erreicht hat, ist er im Amt. Er bestätigte, dass er aktuellen Berichten zufolge sein Hauptamt im Dikasterium voraussichtlich noch bis zum Ende der laufenden Amtsperiode ausüben wird. Wir wissen - und dies wurde im Gespräch deutlich spürbar und offensichtlich - dass er in Rom weiterhin und weithin als erfahrener Brückenbauer und Experte für kirchliche Einheit geschätzt wird. Reich beschenkt verabschiedeten wir uns mit dem Wunsch im Herzen, die Anliegen der Ökumene vor Ort in unseren Pfarreien mit Leben zu erfüllen. (Fredi Vogelsanger, Teilnehmer)
Vatikanische Museen
Auf die vatikanischen Museen habe ich mich besonders gefreut. Wir bekommen eine Führung mit viel Wissen und genauso viel Humor. Von den Kunstwerken des Vatikans ist nur ein Bruchteil ausgestellt. Wir sehen die Berühmtheiten: die Laokoon-Gruppe, die Stanzen (Zimmer) von Raffael und natürlich die Sixtinische Kapelle. Was ich in der Schule auf Kunstdrucken gezeigt bekam, habe ich jetzt im Original vor mir. Da wir nicht die einzigen mit diesem Wunsch sind, kommen wir vor der Sixtina in den Genuss eines «beliebten römischen Spiels», wie uns die Führerin erklärt: Slalomlaufen. Allerdings nicht allzu lange. Glück gehabt. Sie erzählt uns, dass das Jüngste Gericht von Michelangelo alle Menschen im Adamskostüm zeigte. Das durfte so nicht bleiben. Ein Schüler Michelangelos musste die Menschen zumindest geringfügig bekleiden. Man sei gespannt, welche Version nach der aktuellen Restaurierung zu sehen sein werde. Danach sehe ich mir zeitgenössische Kunst an. Die Abteilung beginnt mit Werken vor 1900. Es gibt Eindrückliches, eine Künstlerin habe ich jedoch nicht entdeckt. Dafür einige wunderschöne Ausstellungsstücke in der ethnologischen Sammlung. (Susanne Andrea Birke, Teilnehmerin)
Mehr als bloss ein Nebengebäude
Im Vergleich zur imposanten Fassade von S. Giovanni in Laterano ist dieser unscheinbare Bau aus rotem Backstein nicht gerade ein «Eye-Catcher». Da werden die touristisch-frommen Augen eher noch auf die danebenliegende Hl. Treppe gelenkt. In unserer Gruppe haben wir letztere recht liegenlassen und uns zu dieser diskreten Taufkirche «S. Giovanni in Fonte» begeben. Es handelt sich dabei um das wohl älteste Baptisterium der Katholischen Kirche aus der Zeit Konstantins (4. Jh.). Wichtig ist dabei nicht so sehr die spätere Ausstattung im Innern, vielmehr der ursprüngliche achteckige Grundriss, der allen späteren Taufkirchen zum Vorbild wurde. 8! – bei dieser Zahl sollten wir aufmerksam werden; denn sie verweist darauf, dass wir als Getaufte an Tod und Auferstehung Jesu Christi teilhaben. Wir wissen alle, was sich «acht Tage danach» ereignet hatte (Joh 20,26). Zu Beginn der Kirche waren sich Christen der zentralen Bedeutung der Taufe bewusst und haben dies unter anderem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie dafür entsprechende Orte, eben Baptisterien, geschaffen haben. (Ein Beispiel aus unseren Tagen findet sich in der Taufkapelle der Kirche St. Michael im Hirzbrunnen.) Die Taufe ist eben mehr als ein unverbindliches Ritual zu Beginn des irdischen Lebens. Sie ist zusammen mit der Eucharistie eines der beiden «Zeichen der Nähe Gottes», die sowohl in unserer wie auch in den Kirchen der Reformation als Sakrament angesehen wird, dem wir entsprechende Bedeutung schenken sollten. (Mario Tosin, Pfarrer St. Clara, Begleitperson)
Kolosseum/Forum Romanum
Auch zum Forum Romanum und dem Kolosseum gibt es viel Information, auch das mit einem Augenzwinkern. Wo grosse Steine ordentlich aneinandergefügt sind, ist es eine antike Strasse. Kleinere, nicht zusammenpassende Steine sind das Werk der Archäologen. Vieles wurde innerhalb von Rom weiter verbaut. Wenn Gebäude erhalten blieben, ist dies ihrer Umnutzung als Kirche zu verdanken. Das Kolosseum erhielt seinen Namen nach der 35 m hohen Nerostatue, dem Koloss, der früher neben dem Amphitheater stand. Fast alles hatte hier kaiserliche Ausmasse. Bei den Spielen nutzte der Kaiser seine Macht über Tod und Leben jedoch nur als Antwort auf die Forderungen aus der Menge. Wenn ein Gladiator sich grosser Beliebtheit erfreute und das Volk Begnadigung verlangte, dann gewährte der Kaiser ihm das Leben. Falls er kein Star seiner Zeit war und nicht die Unterstützung der Massen fand, hielt auch der Kaiser den Daumen nach unten. Die Spiele sollten schliesslich vor allem die kaiserliche Popularität fördern. Neuesten Forschungen zufolge waren auch Gladiatorinnen darunter. Manche Grabsteine tragen die Inschrift: Gladiatrix. (Susanne Andrea Birke, Teilnehmerin)
Schluss
Ein Kaleidoskop Rom und vier volle Tage vergehen wie im Nu...
Der letzte Abend endet mit grosser Heiterkeit. Viola Stalder und Katharina Mey organisieren ein Abschlussspiel. Auch wenn alle müde sind und die Koffer teilweise noch fertig gepackt werden müssen, lassen sich die Teilnehmenden auf Folgendes ein: In kleinen, spontan gebildeten Gruppen spielen sie pantomimisch eine Szene der Woche nach. Unter grossem Gelächter wird geprobt und später vor den anderen aufgeführt. Papstaudienz, Petersdombesichtigung mit Pieta, Kampf im Kolosseum, die Schweizer Garde schützte den Papst vor einer Taschendiebin, Strassenmusiker in der Metro und der Dieb, der versucht, die Batterie des Reisecars zu klauen.
Zugegeben, im Kolosseum wurde nicht gekämpft und auch die Taschendiebin war dazu erfunden, doch eines wird deutlich – die bunte Truppe vom Sonntag, sie ist eine Gruppe geworden, die miteinander auf dem Weg war und sich immer wieder neu gemischt und besser kennengelernt hat. Gemeinsam singen alle das «Dona nobis pacem», bevor es zu den Koffern, dann ins Bett um am nächsten Morgen zur Heimreise geht. Per Flugi, Bahn und Reisebus.
So weit nicht anders gekennzeichnet: Text, Anne Burgmer, Kommunikation RKK BS – Fotos: siehe Legenden